Tagungsbericht Teil 1
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Anschliessend präsentierte Stadtpräsidentin Corine Mauch die Zürcher Bemühungen für die 2000 Watt-Gesellschaft - fundiert zwar, aber keine Spur von Selbstkritik. Die Stadt investiert tatsächlich viel in die Forschung für die Nachhaltigkeit. Aber einige der Zürcher Erfolge gründen auf Aspekten, für die wir nichts können: Die Lebensqualität mit der Lage am See und der Nähe zu zahlreichen Grünräumen, die Kleinheit und damit Kontrollierbarkeit der Stadt - und dass die Schweiz auf einem Wasserschloss sitzt.
Radermachers Worte hallten nach, als Kristin Feireiss - Gründerin und Kuratorin der Berliner Architekturgalerie Aedes – ihre Kollektion von «nachhaltiger» Architektur rund um den Erdball vorüberblitzen liess. Feireiss ist zwar Autorin des bekannten Buchs «Architecture of Change» und wurde wohl aufgrunddessen eingeladen. Zu den Projekten, die sie vorführte, wusste sie aber wenig zu sagen, es blieb unklar, was an den einzelnen Bauten nun tatsächlich so nachhaltig sein sollte. Weniger, dafür fundierter wäre mehr gewesen.
Auch beim nächsten Referenten fragte man sich hinterher, warum gerade er zu dieser Tagung eingeladen worden war: Jürgen Mayer H. ist sympathisch und architektonisch erfinderisch, aber im nachhaltigem Bauen gibt es Profiliertere. Mayer H. nutzte sein Referat für eine kurze Projektschau und stellte dann einmal mehr die Mensa in Karlsruhe vor – zwar ein Holzbau, aber gummiert (polyurethanbeschichtet). Wie es da wohl mit der Grauen Energie aussieht und wie beständig diese Beschichtung wohl ist? Mayer H.s Riesenpavillon «Metropol Parasol» für Sevilla ist als Struktur faszinierend. Aber die Holzteile werden in einem Münchner Holzbauunternehmen gebaut und dann nach Südspanien gekarrt. Graue Energie? Mayer H.: Das sei immer noch nachhaltiger, als mit den Materialien und Methoden der lokalen Unternehmer zu arbeiten. Das liess kein Engagement für die Nachhaltigkeit, sondern die Eitelkeit des Architekten durchblicken: Er wollte sein Bauwerk genau so und die Fertigung musste sich danach richten - nicht umgekehrt.
An dieser Stelle fragte man sich: Warum nicht einen Gion Caminada einladen und zur Klugheit des traditionellen Bauens reden lassen? Warum nicht einen Karl Viridén, Pionier im energieeffizienten Bauen?
Judit Solt, Chefredaktorin des Tec21, holte den Vormittag aus der Senke: Ihr Vortrag «Das Potential liegt im Bestand – Möglichkeiten und Grenzen energetischer Sanierungen» war präzis, vielfältig und informativ – fundiertes Hirnfutter zum nachhaltigen Bauen. Ihre Beispiele: Sanierung Feldbergstrasse in Basel, Karl Viridén; Sanierung Hochhaus Weberstrasse in Winterthur, Burkhalter Sumi; Siedlung Werdwies in Zürich, Adrian Streich; das Schulhausportfolio der Stadt Zürich.
Nach der ersten Serie thematischer Workshops folgte am späteren Nachmittag ein Referat von Erika Meins vom Center für nachhaltige Entwicklung der Universität Zürich CCRS zu nachhaltigen Portfolio Strategien und dann die Schlussdiskussion dazu. Dabei wurde deutlich, dass die Tagung in einer Art geschützten Rahmen stattfand: Ein Fachpublikum, das die Probleme kennt und dagegen handeln will, in einer Stadt, die auf diesem Gebiet zur Avantgarde zählt. So haben die Zürcher Genossenschaften, auf dem Podium durch Peter Schmid, Präsident ABZ vertreten, längst kapiert: Höhere Mietpreise sind möglich, um das nachhaltige Bauen zu finanzieren, weil die Nebenkosten viel geringer ausfallen. Doch anhand der Voten der Vertreter der Pensimo und «Green Property» der Credit Suisse wurde deutlich: Die grosse Masse, die baut und für die gebaut wird, ignoriert das nachhaltige Bauen noch aus verschiedenen Gründen - der wichtigste: es kostet mehr. Auch wenn sich die Massnahmen auszahlen über einen geringeren Energieverbrauch, also nur noch wenige Nebenkosten: So lange jene, die Häuser bauen und damit Geld verdienen wollen, nicht dieselben sind, die sie danach betreiben und bewohnen, zielt dieses Argument ins Leere. Entsprechend beträgt der Anteil Minergie-Bauten am Schweizer Gebäudebestand erst ein Prozent.
Im Saal machte sich Ernüchterung breit: So wenig Bewegung unter Investoren, nachdem der fulminante Franz Josef Radermacher am Morgen noch aufgerufen hatte, gerade diese Branche müsse ihrer 40 Prozent-Verantwortung dringend gerecht werden.


