Jenaz, Altersheim: Jeder und jedem sein Zimmer

Ein stattliches Heim, statt ein heimeliges Haus: das Altersheim am Dorfrand von Jenaz (Fotos: Ralph Feiner)
Maienfeld, Lugnez, Landquart, Grono, Jenaz, Vella — im Kanton Graubünden sind etliche Altersheime im Bau oder gebaut. Eine Gesetzesrevision treibt diese dichte Folge an, denn nach ihr wird ein neuer Zahlungsschlüssel gelten. Den alten Menschen im Prättigau kommt sie zugut, sie können nun am Dorfrand von Jenaz ihre letzten Jahre in einem stattlichen Heim verbringen. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben Freude an der zeitgenössischen Architektur: Sie ist hell, weit und an vielen Ecken gemütlich.
Im Innern gibt es überraschende Räume, Nischen und Flächen, wo die Alten in Gruppen oder für sich allein sein können. Sie können auch im Haus spazieren: Die grossen Flure sind für einen Rundumlauf mit Ausblicken über die Wiesen und auf die Strasse eingerichtet. Für die Rauchpause gibt es ein über vier Geschosse hohes Fumoir — das spektakulärste Raucherzimmer weit und breit. Wie genüsslich werden die Prättigauer dort ihre Toscani schmauchen. Die 64 Wohnschlafzimmer sind so komponiert, dass alle eine prächtige Aus-sicht haben. Sie sind sorgfältig eingerichtet, die Fenster so angeordnet, dass die Landschaft auch vom Bett aus gesehen wird. Und nahe am Sinn der Bewohner sind die Steine und Hölzer für den Innenausbau ausgesucht. Bemerkenswert sind die Aussenräume: Um das Haus wächst ein Garten mit Teichen, auf dem grossen Balkon ist ein Parcours für Bewohner eingerichtet, die Gedächtnis und Orientierung verloren haben und in eigenen Welten leben. Sie können ihre Kreise spazieren, ohne sich zu verirren und zu gefährden.
Das Altersheim zeigt, wie die Prättigauer Gesellschaft mit alten Menschen umgeht: Sorgfältig, grosszügig und solidarisch. Das überrascht. Denn das Bild dieses Tales ist anders, wenn wir nach Abstimmungssonntagen die Zeitung lesen. Dort erscheint es hartherzig, verschlossen und kleinlich. Geht es etwa um eine Verbesserung der IV, der AHV oder der Arbeitslosenkasse, so finden die Schwachen von Klosters bis Seewis kein Pardon. Laut trompeten die Helden der SVP in diesem Tal den Abbau von Staat und Solidarität und finden offensichtlich Gefolgschaft. Zu leise und zu ruhig sind die Stimmen der offenherzigen Bürger. Sie können künftig das Altersheim Jenaz als Beispiel aufführen, was Gemeinsinn gegen den schrillen Egoismus ausrichten kann. Damit das Altersheim ein guter Ort werden kann, werden Solidarität und Geld nötig sein. Text: Köbi Gantenbein, Fotos: Ralph Feiner

Den beiden Treppen sind Lichthöfe zugeordnet, die Licht und Blickbezüge ins Haus bringen.
Altersheim, 2009
Hauptstrasse, Jenaz GR
> Bauherrschaft: Flury Stiftung, Schiers
> Architektur: Allemann, Bauer, Eigenmann, Zürich; Nicole Eichenberger, Henning Hinrichsen
> Baurealisation: B + P Baurealisationen, Zürich
> Bauleitung: Architekturbüro Tettamanti, Schiers
> Landschaftsarchitektur: Kuhn Truninger, Zürich
> Baukosten (BKP 1–9): CHF 26 Mio. (Kantonsbeitrag CHF 11,5 Mio.)
> Zahlen und Fakten: http: //connect.crb.ch


