|  2010-08-25
Von Roderick Hönig @ 12:58  Wie sieht Forschung aus, die sich mit der Entstehung von Architektur beschäftigt? «Forschende Architektur» geht dem Thema nach. Denn wie Architektur sich immer zwischen den Polen Kunst, Ingenieurwesen, Geisteswissenschaft und anderen Wissenschaften bewegt, ist auch die Methode der Forschung nicht gegeben. Auf der einen Seite gibt es den Entwurf, der als «recherche patiente» betrieben, aber selten verschriftlicht oder fortgesetzt wird. Andererseits verlagern die Schulen die Forschung oft in Randbereiche wie Architekturgeschichte, Bauphysik oder Urbanistik, um sich (auch gegenüber den Förderinstitutionen) nicht dem Vorwurf der Nicht-Wissenschaftlichkeit aussetzen zu müssen. Der erster Teil des Buches befasst sich mit Forschungsmethoden, die das Machen, Experimentieren mit einbeziehen und deren Resultate nicht zwingend nur geschrieben sein müssen. Fünf Architekten, die sich auch theoretisch mit den Themen ihrer eigenen Arbeit auseinandergesetzt haben, dienen als Fallbeispiele: Jean Prouvé, Aldo Rossi, Christopher Alexander, Peter Eisenman und Peter Zumthor. Anhand ihrer Herangehensweise wird mit einem kreisförmigen Diagramm versucht, die unterschiedlichen Verbindungen und Schwerpunkte zwischen den Polen Reflexion, Entwurf, Ausführung, Räumliches Wissen aufzuzeigen. Ein Gespräch mit dem Philosophieprofessor Michael Hampe und dem Architekturpublizisten Reto Geiser versucht, Eigenheiten der Architektur- oder Entwurfsforschung zu isolieren. Die Autoren stellen dann in ihrem Fazit fest, dass «... ohne eine forschende Absicht im Schaffensprozess nur räumliche Erfahrung entsteht. Forschungswille zeigt sich in der Notwendigkeit, persönliches Instrumentarium, Techniken und Methoden zu entwickeln, die dazu beitragen, eigene Absichten auch zu verwirklichen.». Das Buch wird so selbst zur Forschungsarbeit, die für einmal nicht über eine hektische Sponsorensuche in eine Richtung gedrängt wird, sondern sich mit dem Kern des Lehrens und Weitergebens von Architektur beschäftigt. Barbara Wiskemann
Forschende Architektur: Tina Unruh, Dieter Geissbühler, Andri Gerber. Quart Verlag, Luzern 2010 2010-08-18
Von Köbi Gantenbein @ 11:26  Man ist sich weitherum einig, dass wir auf zu grossem Fuss leben, zuviel Energie, zuviel Konsum, zuviel Raum verbrauchen. Die Wege, dies zu ändern, gehen weit auseinander. Eine provokative und produktive Stimme kommt vom Lehrstuhl Leibundgut am Institut für Technologie in der Architektur der ETH Zürich. Der Professor propagiert seit ein paar Jahren die «via gialla», den gelben Weg. Forschungen, Projekte, Broschüren, Vorträge, Blog zum vernünftigen Umgang mit Haustechnik, Energie und Komfort. Das aktualisierte Büchlein zum gelben Weg heisst «Zero Emission LowEx». Es schlägt erstens vor, den «solaren Überschuss» am, im und auf dem Haus einfangen, zweitens ihn in einem Erdspeicher, 230 Meter tief vergraben, lagern, und drittens, wenn nötig aus dem Sonnenlager via Pumpe Wärme fürs Wohnen und fürs Wasser gewinnen. Bemerkenswert ist die Art, in der Leibundgut und die Seinen ihre Ideen, Systeme und Apparätli vorstellen. Ihnen genügt ein gelbes Ringbüchlein im A6-Format mit Zeichnungen und einfachen, klaren Sätzen. (Design: Robert Mahrer, Robert Lzicar). Wer einen grossen Bogen um die Begriffe Physik und Haustechnik macht, findet hier Trost und Unterweisung. Witzig und beschwingt werden Grundlagen und Techniken präsentiert, und man hat das angenehme Gefühl, etwas verstanden zu haben, auch wenn es wohl etwas komplizierter wird, wenn er ein Stück «via gialla» bauen möchte.
Hansjürg Leibundgut. Zero Emission LowEx. viaGialla, Professur für Gebäudetechnik der ETH Zürich, Zürich 2010. CHF 10.-
2010-08-11
Von Lilia Glanzmann @ 11:23  Hier galoppiert ein Cowboy als apokalyptischer Reiter, dort schwirren Bomben und Torpedos durch die Nacht und einen Häuserzug weiter trifft Dracula auf Mickey Mouse. Die Bieler Künstler M.S. Bastian und Isabelle L. haben ein endzeitliches Universum geschaffen: Ihre «Bastokalypse» zitiert die Kunst- und die Popgeschichte und begeleitet ihr Ende mit einem hämischen Grinsen. Über 50 Meter lang ist das aus 32 Tafeln zusammengefügte Wandbild, das die Künstler dieses Frühjahr am Luzerner Comicfestival Fumetto präsentierten. Das Gemälde erreicht verkleinert und zu einem Leporello gefaltet noch immer 13,44 Meter.
Die «Bastokalypse» erinnert an ein Wimmelbuch: Seite für Seite verliert sich der Betrachter in dem schwarz-weissen Durcheinander. Zwar stellen die Doppelseiten in sich geschlossene Szenen dar, wirklich packend wird das Gemälde aber als Panorama, wenn es den Betrachter es in seiner vollen Grösse erfasst. Im Ausstellungsraum fällt das leichter, denn kaum jemand hat den Platz, das Buch vollständig auszuklappen. Als Entschädigung ist der Leporello-Bildstreifen auf der Rückseite mit einem Essay von Konrad Tobler ergänzt.
Die Bastokalypse, M.S. Bastian und Isabelle L., Scheidegger & Spiess, Zürich 2010, CHF 49.90 2010-08-04
Von Roderick Hönig @ 11:12  Vor 100 Jahren hat der Journalist Arthur Brehmer 22 Spezialisten zusammengetrommelt und sie einen Aufsatz über die Welt in 100 Jahren schreiben lassen. Das Buch war 1910 ein Bestseller, hundert Jahre später hat es der Olms Verlag inklusive der wundervollen Illustrationen von Ernst Lübbert in der alten Frakturschrift zum dritten Mal neu aufgelegt. Wer es zum ersten Mal liest ist fasziniert: Geprägt von einem unerschütterlichen Glauben an die Möglichkeiten des technischen Fortschritts und gezeichnet von einer heroischen Sprache, zeichnen die Aufsätze ein euphorisches Bild der Welt von damals. Einige Prognosen, wie die im Aufsatz «Das drahtlose Jahrhundert» kommen der Gegenwart erstaunlich nahe, indem der Autor eine Art Smartphone skizziert, das der Bürger auf sich tragen wird und mit dem er «auf dem Wege von und ins Geschäft die Augen nicht mehr durch Zeitungslesen anzustrengen braucht, denn er wird sich nur mit der «gesprochenen Zeitung» in Verbindung zu setzen brauchen». Oder die Stadt der Zukunft: «Sie wird nicht mehr aus einzelnen getrennten Gebäuden bestehen, die eine verschiedenartige Architektur haben, nein, sie wird ein einziges weit ausgedehntes Gebäude sein». Die Themen gehen von Technik über die Frau und Mutter bis hin zu den Künsten in 100 Jahren. Es finden sich auch phantastische Fehlprognosen. In der «Zukunft der Kolonien» werden beispielsweise die «Lufthäusern» der Kolonialherren beschrieben, die «1000 bis 2000 Meter hoch» an Zeppelinen verankert sind oder dem Radium eine allzu hoffnungsvolle Wirkung vorausgesagt: Es würde das Energieproblem lösen, als universelles Heilmittel wirken oder das Pflanzenwachstum fördern und sogar die Liebe bestimmten, «die einzig und allein auf den radioaktiven Sympathiestrahlungen der Seele und des Herzens beruht».
Arthur Brehmer: Die Welt in 100 Jahren, Georg Olms Verlag, Hildesheim 2010, CHF 31.90.-
2010-07-28  Amateur oder Profi? Die Autorin und die vier Autoren dieses Readers haben das Problem erledigt: Mit den Texten haben sie ihr Diplom an der Berliner Kunsthochschule Weissensee erreicht – als Designerin, Grafiker, Künstler. Sie zeichnen nach, wie Autorschaft im Design mit der Open source-Bewegung und dem Web 2.0 demokratisiert, wie der Stellenwert des Kunden als Co-Designer gestärkt wurde. Respektive wie Firmen mit Crowdsourcing die Arbeit der Amateure anzapfen. Gerne gratis. Das fröhliche Basteln ist längst nicht mehr auf die Visuelle Kommunikation beschränkt, wo es mit dem Desk Top publishing anfing. Mit Werkzeugen wie kostengünstigen 3D-Druckern für den Heimgebrauch, den Fabbern, lässt sich der selbst entworfene Avatar als Skulptur ausdrucken. Bleibt die Frage, ob damit die Profession des Gestalters abgeschafft wird? Nein, lautet Florian Schmidts hoffnungsvolle Antwort: Hobby und Beruf bleiben zwei Pole. Nein, sagt auch Susanne Stauch: Designer werden zu Koordinatoren, Beratern und Katalysatoren.
Kritische Masse. Von Profis und Amateuren im Design, Berlin: Form+Zweck, 2010, 18 Euro 2010-07-21
Von Köbi Gantenbein @ 11:55  Sich über Lebensformen und Eigensinn der Menschen, die im Gebirge wohnen und dort wohnen wollen, lustig zu machen, ja ihnen die Teilhabe am wirtschaftlichen und sozialen Gedeihen des Landes abspenstig zu machen, gehört zum guten Ton, den sogar fortschrittliche urbane Menschen anstimmen, jammernd, dass die dort oben zu viel kosteten. Natürlich denken die so klagenden weder an die Gratislandschaften, die ihnen die Gebirgler für Ferien hergeben noch an die ausgesprochen bescheidenen Wasserzinse aus den Kraftwerken, die fällig werden, damit Licht und Maschinen kostengünstig schnurren. Oder daran, dass die Erträge vieler Energieanlagen in den Tresoren der Zentren landen, nicht nur in privaten, sondern auch in denen von Städten und Kantonen der Metropolen. So ist es gut, wenn als ideologisches Gegengleich ab und zu emphatische Reportagen erscheinen über das «Leben ganz oben». Wie das Büchlein «Menschen am Berg», deren Autorin nicht nur eine Unter-, sondern auch einer Ausländerin ist, die als Feuilletonistin bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung arbeitet. Und also in bester Tradition der Alpenbetrachterinnen und – freunde steht, die ja meist von aussen kamen und die «dort oben» ins Herz schlossen. Ihre acht Reportagen schildern Menschen und sind Etüden der Raumerfahrung ausserhalb von Verkehrsverbund und Minergie-P-Standard. Es geht ums abbrechende Eis, über die neue Wildnis, übers archaische sozialen Leben im Maderandertal, über das Graben im Gotthard, übers Fotografieren und Bildersammeln. Und jede Reportage ist besser geschrieben als die andere – ein Sofareise- und Lesegenuss.
Melanie Mühl. Menschen am Berg. Geschichten vom Leben ganz oben. Nagel & Kimche, Zürich 2010. CHF 26.90.-
2010-07-14
Von Köbi Gantenbein @ 11:52  Vorarlberg hat als Land der Baukünstler von Eberle über Kaufmann bis Untertrifaller viel von sich reden gemacht in den letzten 20 Jahren. Etliche der einst aufmüpfig Bewegten regieren heute erfolgreiche Architekturunternehmen und sind Professoren von München bis Zürich. Marina Hämmerle, die Leiterin des vai, des Architekturinstituts im Land, gab kurz nach ihrem Amtsantritt 2006 dem Diskurs über Planung und Architektur einen Schupf. Sie lancierte das «Antipodium». Unterwegs ist ein ambitoniertes Vorhaben zu Sinn, Methoden und Grundlagen zeitgenössischer Planung in einem Prolog, drei Akten und einem Epilog. Aus dem Prolog gibt es einen Videofilm über die Landeserkundung Auswärtiger. Nun liegt die Rechenschaft über den 1. Akt vor: In fünf «Studios» dokumentieren junge Künstler und Architektinnen, die zu Workshops ins Land kamen, «patterns and properties». Die Resultate reichen vom charmanten Bericht über die Freude des Wanderns bis zum Beitrag über die Folge der im Land üblichen Realerbteilung auf den Städtebau und die Landschaft. Bemerkenswert ist, welches Gewicht künstlerische Erkundungen haben. Der Bogen ist im 1. Akt noch weit gespannt und 2012 soll der «kalytische Prozess zur Architektur in Vorarlberg» abgeschlossen sein und das heisst auch hingeführt zu konkreten und handfesten Aussagen über die Planung dieses Landes, das vor allem in seiner Regio Rheintal in atemberaubendem Tempo zu einer Agglo-Metropolitanlandschaft umgepflügt wird.
Voralberger Architektur Institut (vai) (Hrsg.): Antipodium. Akt 01. vai, Dornbirn 2010, www.antipodium.at, CHF 15.- 2010-07-07
Von Roderick Hönig @ 12:08  Anton Stankowski (1906–1998) war als grafischer Gestalter und Maler fast 80 Jahre tätig und ist noch heute ein grosser Anreger. Er wurde von Max Buchartz an der Folkwangschule in Essen ausgebildet. In Gelsenkirchen war er Mitbegründer des «Rings moderner Werbegestalter». 1929 kam er nach Zürich ins Werbeatelier Max Dalang und in der Nachkriegszeit arbeitete er in Stuttgart. An allen drei Wirkungsstätten pflegte er intensiven Austausch und war mit fast der gesamten Gilde der klassischen Moderne vernetzt. Ob mit Otl Aicher, Mitbegründer der Hochschule für Gestaltung Ulm oder mit Klaus Wittkugel, auch er Buchartz-Schüler und später der führende Gestalter in der DDR für Verlage und Industriefirmen. Diese zwei Gestalter bilden mit 33 weiteren namhaften Grafikern, Gestaltern, Fotografen, Schriftsteller und Künstler Stankowsis Freundeskreis. Viele aus der Schweiz sind darunter, beispielsweise Max Bill, Hans Coray, Richard Paul Lohse oder Verena Loewensberg. Sie sind dokumentiert mit Arbeiten, Biografien und vielen erhellenden Texten, beispielsweise von Karl Duschek, seinem Partner in Stuttgart. Das Buch begleitet die Ausstellung «Ob Kunst oder Design ist egal – nur gut muss es sein. Der Kreis um Stankowski». Zu sehen bis 5.9.2010 in der Kunsthalle Göppingen. (Rezension: Franz Heiniger)
Ob Kunst oder Design ist egal – nur gut muss es sein . Stankowski-Stiftung (Hg.), Verlag avedition, Ludwigsburg 2010, CHF 49.50.-
2010-06-28
Von Roderick Hönig @ 10:01  «Stadtfauna» ist ein von Pooldesign sorgfältig, übersichtlich und handlich gestaltetes Buch. Jedes Tier ist mit Bild, Text, Plan mit Vorkommen sowie Symbolen des Lebensraumes vorgestellt. Ein Kompendium der Biodiversität in Zürich, von Aal bis Zwergtaucher, von Amphibien, Insekten, Säugetieren bis zu den Weichtieren. 40 Prozent aller Tierarten der Schweiz sind auch in der Stadt Zürich verbreitet. Den kleinsten Anteil haben die Heuschrecken, doch 30 verschiedene wurden gefunden. Davon sind elf Arten gefährdet und fünf fast überall auf dem Stadtgebiet verbreitet: Das grüne Heupferd findet sich auf fast allen grösseren Grünflächen, der Warzenbeisser ist nur in einem Waldried am Üetliberg nachgewiesen. Füchse sind fast flächendeckend zu finden. Zwei Luchse sind unterwegs. Einer am Üetliberg, der andere ist der mit einem Sender markierte, aus der Ostschweiz eingewanderte «Tuor» im Zürichbergwald. Seine Abstecher führen von Oerlikon bis ans Seeufer und er reisst Rehe und Füchse. Eine spannende Lektüre, und eine praktische Erinnerung an Bauprojektverfasser, sich zu informieren und so die Artenvielfalt zu schützen und fördern. (Rezension: Franz Heiniger)
Stefan Ineichen, Max Ruckstuhl: Stadtfauna – 600 Tierarten der Stadt Zürich; Haupt Verlag 2010; CHF 69.– Bestellen bei Hochparterre Bücher.
2010-06-16
Von Lilia Glanzmann @ 12:00  Was tun mit ausrangierten Blumentöpfen? Wohin mit abgefahrenen Reifen und altmodischen Möbeln? Ganz einfach: Die Welt retten und Geld sparen – aber mit Stil, meint die Autorin Henrietta Thompson. Ihr Buch ist in fünf Kapitel aufgeteilt – von Möbelstücken, über Wohntextilien, bis hin zu nützlichen Putzhilfen. «Mach neu aus Alt» dient als Inspirationsquelle, indem es bekannte Upcycling-Ideen vorstellt; wie etwa der «Rag Chair» des niederländischen Designkollektivs «Droog»: er besteht aus alten Textilien, die von Metallbändern zusammengehalten werden. Anspruchsvollen Umweltaktivisten dient das Buch aber auch als Anleitung zum Umfunktionieren ausrangierter Objekte. Schön, wie Henrietta Thompson im vornherein anmerkt, das Ergebnis sei stark vom handwerklichen Können und den verwendeten Materialien abhängig. Und sie mahnt uns, vor lauter Recycling-Wahn doch bitte nicht jeden Mist aufzuheben. Was bleibt ist das gute Gefühl, der globalen Vermüllung ein Quäntchen entgegengewirkt zu haben.
Henrietta Thompson: Mach neu aus Alt. Welt retten, Geld sparen, Style haben. Edel Verlag, 2009. CHF 42.90 Bestellen bei Hochparterre Bücher |