Hong Kong in Venedig

[Biennale]
«Hong Kong in Zurich?» fragten die Plakate auf dem Weg zum Ableger des Instituto Svizzero in Venedig. Nein, höchstens Hong Kong in Venedig, wie die Besucher der Ausstellung leider feststellen mussten. Um was geht’s? Anlässlich der Architekturbiennale zeigt die Schweizer Kulturbotschaft in Venedig die erste von drei Ausstellungen zum Thema Architekturlehre (Thema des Schweizer Pavillons an der Architekturbiennale 2008). Als erste waren Emanuel Christ und Christoph Gantenbein (v.l.n.r. im Bild) dran, die derzeit an der ETH Zürich lehren. Die beiden Architekten zeigen auf hochformatigen, von Ludovic Balland gestalteten Plakaten, Versuche ihrer Studenten, mit grossmasstäblichen Bauten den Bogen nach Zürich zu schlagen. Die Typologisch durchaus spannenden Vorlage fanden sie anlässlicher einer Studienreise nach Hong Kong. Der Versuch, die Brücke nach Zürich zu schlagen, gelang jedoch nicht. Auf den Plakaten ist zwar das typologische Vorbild aus Hong Kong zu sehen und zu verstehen, auch ist sein «Enkel» aus Studentenhand im Grundriss und auf einem Foto des Modells nachzuvollziehen. Doch fehlen Situationsplan und –modell sowie ein erkennbarer Wille auf örtliche Verhältnisse einzugehen. Das «Zurich» im Ausstellungstitel bleiben die Veranstalter den Besuchern schuldig.

Im Gegensatz zur Ausstellung, ist die Begleitpublikation im gta Verlag keineswegs hinfällig: «Hong Kong Typology» ist ein lesenswertes Büchlein, das vom «Pencil Tower» über den «Kowloon Block» bis hin zum «Gallery Building» spannende Grossstadt-Typologien in Plan, Bild und Baudaten dokumentiert. Es zeigt, was Grundlagenforschung in der Architektur sein kann – die Ausstellung nicht.

Weitere Ausstellungen im Zyklus «Teaching Architecture»:
--> 7. Bis 30. Oktober 2010: 19 important Buildings curated by Raphael Zuber (Accademia die architettura)
--> 9. bis 27 November: Vertical Urbanism curated by Ulrich Kirchoff (EPFL)

Die 12. Architekturbiennale in Venedig ist eröffnet

[Biennale]

Die letzten drei, vier Male war es so: Man schleppte sich durch die Hauptausstellung, war entweder überfordert ob der Massen an Information oder angewidert vom computergenerierten Schaulaufen der «Stars» der Szene. Danach erholte man sich beim Flanieren durch die Länderpavillons auf den Giardini, wo man hier und da tatsächlich noch Überraschungen erleben konnte.
Kazuyo SejimaAn der diesjährigen Biennale di Architettura war es genau umgekehrt. Ein Grossteil der zahlreichen Länderbeiträge enttäuschte, die Hauptausstellung, kuratiert von der japanischen Architektin Kazuyo Sejima (Bild), entzückte. Das Grüne, Bunte, irgendwie Schrille der letzten Schauen wich der Helligkeit zarter Räume, deren erste Aufgabe es sein sollte Menschen ein träumerisches Erlebnis zu verschaffen. Obwohl die Ausstellung in weiten Teilen aus künstlerisch-räumlichen Installationen besteht und nicht mit Plänen, Modellen oder Kamerafahrten Architekturprojekte repräsentiert, lernt man hier mehr über Architektur als von den Blobs vergangener Zukünfte. Viele viele Diskussionspanels, Vortragsreihen, Kongresse und andere «Collateral Events» während der drei Previewtage sorgten ausserdem dafür, dass das Motto Sejimas «People meet in Architecture» nicht zu kurz kam und werden das auch fortführen bis zum Ende der Biennale im November.
Die am Samstag verliehenen Löwen unterstreichen beides, das hauchzarte Bild einer zukünftigen Architektur und den Dienst am Menschen, den diese zu leisten hat: Der Goldene Löwe für den besten Beitrag einer Nation ging an Bahrain, zu dessen Team auch Harry Guggers LAPA (Laboratory of Architectonical Production) an der EPFL gehört. RECLAIM: Drei illegal von Fischern zusammengezimmerte Hütten stehen in den Hallen der Arsenale. Den Erbauern dienten diese offenen Pavillons der Erholung und des Beisammenseins, in Venedig erzählen sie von der schwierigen Inbesitznahme der kaum noch öffentlich zugänglichen Küste des Inselstaates.
Den Goldenen Löwen für die beste Installation in der Hauptausstellung erhielt der 36jährige Sejima-Schüler Junya Ishigami, der seine Lehrerin in Sachen Minimalismus längst überrundet hat. Eines seiner Häuser füllt als filigranstes Konturenmodell eine weite Halle der Arsenale und ist nahezu unsichtbar. So unsichtbar, dass sich kurz vor dem Preview eine Katze darin verhedderte und es, nach viertägigem und -nächtigem Wiederaufbau, erneut zerstört wurde – von einer Putzfrau. Als beste Nachwuchsteilnehmer wurden die belgischen Architekten Kersten Geers und David Van Severen und der holländische Fotograf Bas Princen mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet. Ihre Installation in den Kammern eines ehemaligen Tankhäuschens stellt Tafeln mit Fotos und Projektzeichnungen gegenüber. Die Goldenen Löwen für ein Lebenswerk gingen, wie schon vor einem Monat berichtet (hier) an Rem Koolhaas und den verstorbenen Kazuo Shinohara.
Skizze von Wim WendersSkizze von Wim Wenders zu seinem Film über das Learning Center von SANAA in Lausanne. Den Film über ihren Bau zeigt die Kuratorin an der Hauptausstellung der Biennale.

Alles in allem lohnt ein Besuch der 12. Architekturbiennale und ein Besuch Venedigs lohnt sich ja sowieso immer. Wen ein solcher Satz noch nicht überzeugt, der lese im Oktoberheft vom Hochparterre einen umfangreicheren Kommentar. Und schaue auf der Leute-Seite jenes Heftes, wer der Eröffnung des Schweizer Pavillons beiwohnte und was es dort zu bestaunen gab. Soviel vorab: Jürg Conzetts Ausstellung hob sich positiv ab von den allermeisten anderen Länderbeiträgen in den Giardini. Und der deutsche (unter halbwegs Schweizer Beteiligung entstanden, siehe hier) erntete vor allem Hohn und Spott.

Berichte von einzelnen Veranstaltungen und Beiträgen auf der Biennale, sowie Fotos demnächst hier.

Architekturbiennale: Löwen an Koolhaas und Shinohara

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Man kennt ihn von den Filmfestspielen, doch die Architekten vergeben ihn auch: den «Leon d'Oro», den Goldenen Löwen. Den gibt’s für das beste Projekt in der Hauptausstellung und für den besten Länderpavillon. Ein Silberner Löwe geht an den vielversprechendsten Nachwuchsarchitekten. Die Preise werden zur Eröffnung der Biennale Ende August verliehen.
Die Verleihung eines weiteren «Leon d'Oro» wird jeweils bereits im Vorfeld der Biennale bekannt gegeben. Der jeweilige Kurator (diesmal eine Kuratorin: Kazuyo Sejima) wählt einen Architekten und ehrt ihn für sein Lebenswerk. Dieses Jahr ist es Rem Koolhaas, der, so Sejima, die Möglichkeiten der Architektur erweitert hätte. Weiter: «Er fokussiert die Beziehungen zwischen den Menschen und dem Raum. Er erschafft Gebäude, die Menschen zusammenbringen und setzt so neue, ambitionierte Ziele für die Architektur. Sein Einfluss auf die Welt geht weit über Architektur hinaus.» Einen speziellen «Goldenen Gedenk-Löwen» wird die Kuratorin an den 2006 verstorbenen japanischen Architekten Kazuo Shinohara verleihen, weil sich dieser «auf eine sehr persönliche Weise mit der Kraft des Raums auseinandergesetzt hat.»
Über die anderen Löwen wird die internationale Jury entscheiden, bestehend aus Beatriz Colomina, Francesco Dal Co, Joseph Grima, Arata Isozaki, Moritz Küng, Jean Nouvel, Trinh T. Minh-ha. Grrrroooooooaaaaaaar!

Gehend von Vals nach Venedig

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Die neue Dorfbrücke in Vals, Foto: Wilfried Dechau

Bilc: ©wilfried-dechau.de

 

Man sieht mit den Füssen, wusste der Stadtwanderer. Dass man mit den Füssen auch denkt, weiss jeder Spaziergänger. Jürg Conzett, zur Einweihung seiner neuen Dorfbrücke in das Thermendorf Vals gereist, war hocherfreut über mein Angebot, unser Interview im Gehen zu führen. Nun lief ich also neben dem gefühlt 2.10 Meter grossen Ingenieur her, bemüht, Schritt zu halten – und keuchend von ihm zu erfahren, was er im Schweizer Pavillon der Architekturbiennale von Venedig zu zeigen gedenkt. Nebenher bekannte der Churer, als Doktorvater hätte er einmal eine ganze Dissertationsschrift auf einer Wanderung in den Bündner Bergen gelesen, im Laufen! Einer leichten Wanderung wohlgemerkt.
Das Gespräch über den Schweizer Biennalebeitrag sowie eine Ausführliche Besprechung der drei Brücken Conzetts in Vals und der dortigen Hochwasserschutzmauern Peter Zumthors kommt mit dem Augustheft vom Hochparterre. Die Architekturbiennale öffnet in der letzten Augustwoche ihre Tore. Wir sind gespannt und nehmen den Zug.

Ein Brückenbauer für Venedig

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Jürg ConzettNun ist es also offiziell: Der Bauingenieur Jürg Conzett wird verantwortlich sein für den Schweizer Beitrag an der 12. Architekturbiennale in Venedig. Wie das BAK am 25.2. bekanntgab, unternimmt er zusammen mit dem Fotografen Martin Linsi aus Einsiedeln zahlreiche Streifzüge durch die Schweiz, bei denen sie Eingriffe von Baumeistern und Ingenieuren in der Landschaft aufspüren. Unter dem Titel «Landschaft und Kunstbauten» werden die Fotos zusammen mit Texten, Plänen und Gegenständen als «persönliches Inventar» Conzetts ausgestellt. Technische, ökonomische, architektonische und touristische Anforderungen dieser Eingriffe sollen ebenso erörtert werden, wie der heutige Umgang mit ihnen, als Kulturgut wie als Inspirationsquelle.
Der 1956 geborene Jürg Conzett ist ein «Brückenbauer». Nicht nur, weil er viele schöne Brücken konstruiert hat, sondern weil er, wie kaum ein anderer Ingenieur, hochkarätigen Architekten als gleichwertiger Partner im Entwurf zur Seite steht, noch jung als Mitarbeiter von Peter Zumthor, heute zusammen mit seinen Partnern Gianfranco Bronzini und Patrick Gartmann in Chur. Ein kreativer Mittler zwischen den Fachgebieten.
Wir freuen uns auf die Ausstellung im Schweizer Pavillon in den Giardini vom 29.8. bis 21.11.2010.

Die Reaktion des BAK

[Biennale]

Offiziell wird es Ende Februar, aber die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Der Churer Bauingenieur Jürg Conzett wird Kurator des Schweizer Pavillons für die Architekturbiennale Venedig 2010. Mehr dazu berichten wir natürlich, sobald wir mehr wissen - wenn das Bundesamt für Kultur offiziell informiert.
Im Blogbeitrag Die Biennale naht stellten wir dem BAK diese Frage: «Gerade in der Schweiz gibt es einen dichten Pool interessanter Architekten, Theoretiker und Kuratoren - warum, liebes BAK, gibst du nicht dein untransparentes top-down-Verfahren auf, zugunsten eines (beschränkten) Wettbewerbs der Ideen?»

Urs Staub, Leiter der Abteilung Kulturschaffen des BAK, antwortet:
Gerne nehme ich zu Ihrer Bemerkung Stellung, dass die Schweiz bei der Wahl des Architekten für Venedig einen anderen Kurs fährt, als der grössere Teil der anderen Länder. Dies ist richtig. Dabei ist nicht ausser Acht zu lassen, dass die Schweiz eines der wenigen Länder ist, das die Beschickung der Architekturausstellung direkt von einer staatlichen Stelle, eben dem BAK, durchführen lässt. Andere Länder vergeben diese Aufgabe Museen oder einer kulturellen Institutionen, die ihrerseits dafür verantwortlich sind, dass die nationalen Pavillons in Venedig entsprechend bespielt werden.
Es ist aber sicher nicht richtig, daraus eine Frage der Demokratie zu machen. Das BAK trifft keine eigenmächtigen Entscheide, sondern stützt sich auf die Erörterungen der vom Bundesrat ernannten Mitglieder der Eidgenössischen Kunstkommission EKK und ihrer Expertinnen und Experten für Architektur. Die EKK schlägt jeweils nach langen und gründlichen Diskussionen und Evaluationen dem BAK entweder einen konkreten Architekten für die Ausstellung in Venedig vor oder aber rät dem BAK, einen beschränkten Projektwettbewerb auszuschreiben, aus dem sich das Projekt ergibt, welches das BAK in Venedig umsetzt. Ob die EKK unter einer ganzen Anzahl von Architekten eine Auswahl trifft oder ob die EKK eine beschränkte Anzahl von Architekten einlädt, Projekte vorzustellen, es handelt sich immer um eine sorgfältige Auswahl.
Wählt die EKK einen Architekten, so geht der Wahl eine sorgfältige Diskussion voraus, während der die unterschiedlichsten Möglichkeiten geprüft werden. Der Möglichkeit, Architektinnen und Architekten im Rahmen des Eidgenössischen Kunstwettbewerbs Preise ausrichten zu können, bietet der EKK gute Einblicke in die aktuelle Architekturszene der Schweiz. Oft entspricht die Auswahl für Venedig dem Willen des BAK und der EKK, das Schaffen von Architektinnen und Architekten, denen der Kunstpreis zugesprochen worden ist, auch auf internationaler Ebene bekannt machen zu wollen. Dass anschliessend an die Wahl eines Architekten für Venedig – im Gegensatz bei der Umsetzung eines Ausstellungsthemas – nicht eigens ein Kurator bestimmt wird, entspricht einem Konzept des BAK sowie der EKK. Das BAK räumt damit dem beauftragten Architekten die grösstmögliche Freiheit ein, sein Schaffen und seine Recherchen im Schweizer Pavillon in Venedig vorzustellen zu können ohne sich nach den konzeptuellen Vorgaben durch einen Kurator richten zu müssen. 

Wir danken Urs Staub für die Antwort. 

Die Biennale naht

[Biennale]

Ende August öffnet die diesjährige Architekturbiennale in Venedig ihre Tore. Die Hauptausstellung wird die japanische Architektin Kazuyo Sejima kuratieren. Die vertretenen Länder suchen zurzeit die Kuratoren und Kuratorinnen, die ihre Pavillons in den Giardini bespielen. In Deutschland, wo der Kurator den hübschen Titel Generalkommissar trägt, wurde kürzlich ein Team gewählt: Cordula Rau, Ole W. Fischer und Eberhard Tröger, die beiden letzteren sind Assistenten an der ETH Zürich. Wer mehr über ihr Thema «Sehnsucht» erfahren möchte, der schaue hier.

Schweizer Pavillon, Architekturbiennale Venedig 2008  

Wie der Schweizerische Pavillon dieses Jahr aussehen wird, das gibt das Bundesamt für Kultur (BAK) demnächst bekannt. Soviel mochte der Verantwortliche, Andreas Münch, schon verraten: Es wird die Darstellung eines Architekten aus der Schweiz sein. Wieder einmal. Sie folgt damit dem Vorschlag der Eidgenössische Kunstkommission, die sich wiederum nach ihren Architekturexperten Geneviève Bonnard, Carlos Martinez und Andreas Reuter richtet. Die Schweiz fährt hier einen anderen Kurs als der Grossteil der Länder. Dort werden meistens beschränkte Wettbewerbe durchgeführt, bei denen die potentiellen Kuratoren ihre Themen vorschlagen können, wie eben in Deutschland geschehen. In der Schweiz geht es weniger demokratisch zu: Die Kommission wählt in der Regel Architekten (2002 Décosterd & Rahm, 2004 Christian Waldvogel, 2006 Bernard Tschumi) und überlässt ihnen den Pavillon. 2008 sah die Ausnahme von der Regel so aus: Die Kommission gab das Thema vor (Architekturausbildung in der Schweiz) und suchte sich dafür den passenden Kurator (Reto Geiser).

Gerade in der Schweiz gibt es einen dichten Pool interessanter Architekten, Theoretiker und Kuratoren. Warum, liebes BAK, gibst du nicht dein untransparentes top-down-Verfahren auf, zugunsten eines (beschränkten) Wettbewerbs der Ideen?

12. Architektur-Biennale in Venedig, 29.8. bis 21.11.2010